Archiv des Autors: mariasewcz

Alexander Gumz,

Kirschblüten, Mietskasernen und Wände mit Graffiti | 2016

Berliner Morgenpost, 24. April 2016

MARIA SEWCZ‘  FOTOZYKLUS  JETZT, BERLIN  ZEIGT EINEN DURCH FORM ÜBERHÖHTEN ALLTAG.

Ein wandfüllendes Format empfängt einen im obersten Stock des Haus am Kleistpark: zwei Hinterköpfe, angeschnitten, unscharf, vor einem mit Regen und Kondensschlieren überzogenem Straßenbahnfenster. Draußen: Nacht, rotes Licht. Man braucht eine Weile um das Foto so gegenständlich zu entziffern. Auf den ersten Blick könnte es auch ein sehr abstraktes Gemälde sein.

An der Grenze von überklarem Detail zu Abstraktion lagern fast alle Fotografien von Maria Sewcz. Wenn die 1960 in Schwerin geborene Wahlberlinerin durch eine Stadt geht, sagt sie, findet sie keine Motive – die Motive finden sie. Zuletzt ist Maria Sewcz viel durch Italien gelaufen. Vor allem in Rom entstanden Bilder, die das Ineinander von Geschichte und Gegenwart, von hehrer Antike und Alltag in scheinbar nebensächlichen Szenen zeigen. Nach Berlin zurückgekehrt war Sewcz der Meinung, ihre Stadt neu für sich entdecken zu müssen. Sie packte die Kamera ein, ging auf die Straße. Entstanden sind Werke, die unter dem programmatischen Titel  Jetzt, Berlin  in Schöneberg zu sehen sind.

Was Sewcz auf Spaziergängen zwischen 2013 und 2016 einfängt, ist in den seltensten Fällen staatstragend. Meist interessiert sich Sewcz für kleine Motive, die andere Passanten kaum bemerken würden. Schnappschüsse fast, jedoch im höchsten Maße formal komponiert. Maria Sewcz beherrscht die Kunst, Durchdachtes spontan, zufällig aussehen zu lassen. Eine leere Stellwand, die sich durch eine Unterführung zieht; der bunte Schlafsack eines Obdachlosen, vermutlich, mit japanischen Schriftzeichen versehen, auf dem Boden vor einer Wand voll gelber Graffiti.

Ein verschütteter Schluck Rotwein neben einer Häuserecke mit Schlagschatten wird so zum Dripping. Kirschblüten vor metallblauem Himmel und farblich passendem Mietskasernenanschnitt sind auf wundersame Weise nicht kitschig, bilden vielmehr ein strenges Ganzes mit Gittern aus Ästen. Laufwege von Passanten im Wintergranulat des Alexanderplatz sehen von oben aus wie ein von Kandinsky gemalter Weihnachtsstern.   Oder Fusswegplatten in Nahaufnahme: ein Fetzen rotes Klebeband in einer Ecke. Mit seinen Gebrauchsspuren wird dieses Stück Gehweg zu einer Leinwand. Man kann in ihr, wie ein Detektiv, nach den Geschichten suchen, die sich auf diesem Quadratmeter Stadt zugetragen haben mögen. Es bleiben immer Fragezeichen: die Bilder sind so konkret wie sie zugleich offen sind.  Immer wählt Sewcz den signifikanten Ausschnitt, der in seiner vermeintlichen Unvollkommenheit mehr sagt als ein klassisch wohlkomponiertes Bild.  In diesem durch Form überhöhten Alltag finden sich immer wieder auch politische Partikel: eine Gesellschaftsanalyse aus dem Augenwinkel.

Haus am Keistpark, Grunewaldstr. 6-7.  Bis 1. Mai

Text von Alexander Gumz

Sabine Vogel, Ortungen einer Fußgängerin | 2015

BLZ_9-7-15

 

Berliner Zeitung, Feuilleton, 10. Juli 2015

Ortungen einer Fußgängerin

Was ist der Grund für eine Stadt? Warum ist dieser Ort dort? Wie ist ihr Gefüge entstanden?  Welche Formen haben ihre Straßennetze? Sind es Raster, Achsen, Strahlen oder Labyrinthe? Welche Schichten der Vergangenheit und Gegenwart haben sich ihren Architekturen  eingeschrieben  und  einander überschrieben? Wie haben Machtrepräsentation, Kriege, Pest oder neue Produktionsbedingungen  ihre Struktur geprägt? Haben Flüsse und sieben Hügel die sozialen Topografien  von oben und unten bestimmt?  Wie hat die Geschichte aus Migration,  Industrialisierung und Gentrifizierung die  Räume der Zentren und Peripherien gestaltet?
Die Berliner Fotografin Maria Sewcz flaniert durch die Städte, in die sie durch Zufälle, Freunde, Einladungen zu Ausstellungen gerät. In ihren Bildern sind Überlagerungen von räumlichen und zeitlichen Ebenen mit  der eigenen Bewegung kombiniert.  Fotografieren, ja das Sehen an sich, ist ihr ein körperlicher Vorgang.  Der Blickwinkel des Gehenden verändert sich mit der stetigen Verschiebung der Standpunkte,  einer Neigung oder Kopfdrehung.  Das Erlaufen einer  Stadt öffnet  die Wahrnehmung für das Gewebe aus  Raum und Zeit, Bezüge zwischen Gebäuden und Erinnerungen, Wegen und Ideen blitzen auf. Einmal, als sie Blasen an den Füßen bekam, lief sie tagelang barfuß. Die Erfassung der Stadt mit den Fußsohlen  verlieh  neue   Intensität. Sewcz‘ Aufnahmen sind nicht Behauptungen über das Sein einer Stadt, eher  Andeutungen einer Möglichkeit von Vorstellung. Im flüchtigen Augenblick ist die Vergangenheit aufgehoben.

Text von Sabine Vogel

Palimpsest – Überschreibungen
Ausstellung mit Arbeiten von  Sabine Beyerle,  Daniela Friebel,  Varda Getzow,  Kerstin Seltmann,  Maria Sewcz und  Heike Zappe
vom  11. Juli  bis  29. August  2015
Galerie Alte Schule Adlershof,  Dörpfeldstraße 56,  12489 Berlin

 

 

inter esse | Neuerscheinung

Neuerscheinung  |  new release:    Maria Sewcz,  inter esse,  Berlin 1985–87
Inka Schube (Hrsg.)|(ed.),   Sprengel Museum Hannover,  Steidl,  Göttingen 2014
Hardcover,  Leineneinband|clothbound,  deutsch|english,  80 Seiten|pages,  24 x 30 cm,  ISBN 139783865217882
Mit einem Text von|with text by  Inka Schube

inter esse:  Dabei, dazwischen sein, sich zwischen den Dingen, den Orten, den Zeiten, bewegen. Reibungen, Spannungen erspüren. Die Sinne als seismografische Instrumente nutzen. Nicht nach Bild, nach Schönheit oder Stimmigkeit suchen, sondern nach Stör- und Leerstellen.   mehr

inter esse:  To be present, in between, moving between things, places, times. Sensing friction, tension. Using the senses as seismographic instruments. Not looking for image, beauty or consistency but for points of disruption and gaps.   more

inter esse  »

inter esse | 2014

inter esse,  Maria Sewcz,  Berlin 1985–87,  Inka Schube (Hrsg.)|(ed.), Sprengel Museum Hannover,  Steidl, Göttingen 2014
Hardcover,  Leineneinband|clothbound,  deutsch|english,  80 Seiten|pages,  24 x 30 cm,  ISBN 139783865217882
Mit einem Text von|with text by  Inka Schube

inter esse  »

serpentara | 2013

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    Olevano Romano/ Latium, II. Quartal 2013

    Präsentation zum Sommerfest, Villa Massimo Rom, 19. Juni 2013

    Foliant, [in–folio], Schwindel, Raumansicht

villa massimo | 2011–2012

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    Präsentationen in der Villa Massimo, Rom

    Open Studios, 31. März 2011

    schnitt blume – topf pflanze, Rückprojektion, Reflektion

public space | 1996–2004

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    Rasenstück, Potsdamer Platz, Berlin 1996

    Digitalprint, 260 x 720 cm

 

 

 

ten day ways | 1996–1997

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    ten day ways, New York 1996

    Installation, Galerie in der Brotfabrik, Berlin 1997

    Silbergelatinepapier, c-print, 12 x 30,5 cm

 

 

10 Tage New York.  Beeindruckt von der Vielfältigkeit der Wahrnehmungen in Momenten, die mehrere Sinne gleichzeitig ansprechen, habe ich mich von dem Einzelbild gelöst. Es entstanden Bildpaare von nacheinander fotografierten Aufnahmen.   mehr

 

© maria sewcz

segni | 2013

 
Segni,  24/06/2013,  12:40–12:42
Videostills,  Performance
Kameraassistenz:  Maria Cecilia Barbetta

 

© maria sewcz