inter esse


Was einem vor diesen Bildern nicht gelingen wird, ist Sentiment. Es ist diese ganz und gar unversöhnliche, kalte und instinktsicher analytische Wut, die inter esse – als Dokumente eines orts- wie zeitspezifischen ‚In der Welt Seins’ – so besonders macht. Natürlich hat Maria Sewcz Lee Friedlander gesehen und Robert Frank studiert. Die Waffenruhe von Michael Schmidt und Wim Wenders Film Himmel über Berlin, beide Arbeiten entstehen im selben Zeitraum und werden 1987 im anderen Teil der Stadt der Öffentlichkeit vorgestellt, wird sie erst ein paar Jahre später mit großer Empathie und Identifikation zur Kenntnis nehmen. Ihre eigene Arbeit ist um so vieles kälter, dass dies fast ein bisschen verwundert.

inter esse verwirft das romantische Sentiment der Uneinlösbarkeit der Utopien. Maria Sewcz verweigert Trost ebenso wie das Pathos des tragischen Scheiterns. Dabei greift sie, und dies macht diese Arbeit so besonders, auf zwischen den Weltkriegen entwickelte ästhetische Verfahren zurück, die an große utopische Potentiale gebunden waren. Die im Kontext der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren entwickelte fotografische Methode der Isolierung der Dinge im Interesse der Steigerung ihrer Zeichenhaftigkeit hinterlässt ihre Spuren. Mehr noch aber schlagen sich László Moholy-Nagys Auffassungen von der Nichtlinearität moderner großstädtischer visueller Erfahrung und von ihrem fragmentarischen Charakter in inter esse nieder. Moholy beschreibt „… aufnahmen von strukturen, texturen, frakturen, in bezug auf ihr verhalten gegenüber dem licht (absorption, reflektion, spiegelung, streuung) [und] … aufnahmen in bisher nicht üblicher art: seltene sichten, schräg, aufwärts, abwärts, verzerrungen, schattenwirkungen, tonkontraste, vergrößerungen, mikroaufnahmen …“ als Möglichkeiten, zu denen man praktische Versuche durchführen solle. inter esse liest sich fast wie eine Deklination eben dieser fotografischen Möglichkeiten. Doch ergeben sie sich hier ganz selbstverständlich aus der sinnlichen Erfahrung der mit Geschichte gesättigten Stadt.

Sewcz synthetisiert aus diesen Traditionen eine Bildsprache, wie sie utopieferner nicht sein könnte. Die Diagonalen, die kippenden Flächen führen zwar auch hier zu einer visuellen Dynamisierung des Linienflusses. Im harten Licht des Blitzes herausgeschält aus einer schwarzen Düsternis und in der Kühle des Graus wirken Architekturfragmente und Gesten jedoch wie erstarrt. Dass sich die Fotografin während ihres Studiums auch im Umfeld experimenteller Super 8-Filmer bewegt, bleibt vielleicht nicht ohne Einfluss auf den stark filmischen Eindruck, den das Portfolio als eine Art Montage fragmentartiger Bilder hinterlässt. Der harte, fast musikalische oder der Lyrik entlehnt zu scheinende Rhythmus, der sich über die 35 Bilder entwickelt, kommuniziert eine aggressiv schwelende Energie, die in einen Angriff auf die Homogenität der Bildräume umschlägt.   …

1. L. Moholy-Nagy. Fotografie ist Lichtgestaltung, abgedruckt in: Bauhaus, Heft 1, 2. Jg. 1928, S. 2ff, zitiert nach: Andreas Haus, Moholy Nagy. Fotos und Fotogramme, München 1978, S. 78.

zurück

Aus dem Text von Inka Schube in:  inter esse,  Berlin 1985–87,  Maria Sewcz,  Steidl, Göttingen 2014

top