Ingeborg Ruthe,
In der Stadt, die immer nur wird und niemals ist | 2016

WENN BILD SPRACHE UND SPRACHE BILD WIRD, DANN IST SEHR WAHRSCHEINLICH DIE BERLINER FOTOGRAFIN MARIA SEWCZ AM WERK. SIE MACHT DIE PERMANENTE VERÄNDERUNG DER STADT SICHTBAR, BESCHREIBT DIESE PROZESSE FRAGMENTARISCH IN HERBPOETISCHEN ESSAYS

sewcz_jetzt_alex Unverkennbar ist das der Berliner Alex, fotografiert möglicherweise vom Hotel-Hochhaus aus. Und zwar an einem grauen, nassen Tag zu Anfang oder Ende des Großstadt-Winters, mit dreckigen Schneematschrändern links und rechts der markanten, geometrischen oder ornamentalen Trampelpfade über den sonst so ruppigen und schmuddeligen Platten.
Maria Sewcz, Jahrgang 1960, gebürtige Schwerinerin, langjährige Rostockerin und seit Jahrzehnten Berlinerin mit Leib und Seele, hat den Alexanderplatz aus der schrägen Vogelperspektive aufgenommen. Die Aufsicht erinnert ein wenig an die kühnen, alles Reale abstrahierenden, dabei kontraststarken Schräg-von-Oben-Aufnahmen des Schweizer Bauhausfotografen Xanti Schawinsky: Links die Kunst am Bau, made Sozialistischer Realismus in Gestalt eines wasserlos nackten Womacka-Blumen-Brunnens, auf dessen Rand momentan keine Massen von jungen Leuten sitzen und auf irgendetwas warten, wie zur wärmeren Jahreszeit.
Rechts die Laternen-Parade, vorn mit Fahrradständern. In Sichtweite U-Bahn-Eingänge und ganz rechts hinten die Weltzeituhr vor dem Alexanderhaus von 1929. Dessen Zwilling, das Berolinahaus, beide Gebäude entworfen vom Bauhausmeister Peter Behrens, ist nicht im Bild, umso mehr die das Motiv gleichsam grafisch strukturierenden Wege. Und darauf die staffagehaften, namenlosen Leute, die eiligst von A nach B und von Y nach Z streben. Die ganze Stimmung wirkt irgendwie grau bedeckt, anonym, fast unwirklich.
Das Foto aus der Serie Jetzt, Berlin (2013-2016), soeben im Blickpunkt einer Schau im Haus am Kleistpark, ist typisch für die fotografische Kunst der einstigen Schülerin von Arno Fischer mit Meisterschülerzeit bei Tim Rautert an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.
Urbanität, das spannungsvolle Verhältnis von Gebautem, Gewachsenem und Gelebtem, charakterisieren Sewcz‘ Bildwelt. Und zugleich berichten ihre oft kühn ausschnitthaften oder auch nur fragmentarischen Stadt-Motive von tiefer Empathie der Fotografin, von Neugier, Einfühlung, Spurensuche, Interpretationslust.
Es ist bei ihr, als wenn an traditionellen, historischen Stellen und an Orten der Veränderung Bild zu Sprache und Sprache zu Bild wird. Maria Sewcz ist eine stille, fast beiläufig agierende, umso schärfer beobachtende Essayistin mit der Kamera. Einzelne Bilder, oft nur Details wie mit rätselhafter Botschaft versehen, fügen sich zu Stadt-und Lebens-Geschichten, das ganz persönliche Erleben wird transformiert zu etwas Größerem, Weiterem, Zeitgeschichtlichem, und scheinbare Nebensächlichkeiten erlangen Bedeutung. Aber womöglich würde die Fotografin derartige Wertungen ja als pathetisch abtun; vielleicht sind ihr das nur Versuche, die Komplexität und Kompliziertheit unserer Umgebung im Kontext der Zeit zu begreifen. Um Berlin – und in diesem Falle den hassgeliebten Alexanderplatz, diesen hässlichen, aber unverzichtbaren, abstoßenden, zugleich magischen Ort als „Tor zum Osten“ (Döblin) – auch aus seiner vielbedichteten Geschichte heraus zu sehen. Also auch aus der Perspektive dieses Spruchs, Standard der Berlin-Literatur, geprägt von dem Kunskritiker Karl Scheffler um 1910: „Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein.“
Könnte also auch heißen: Berlin ist nichts für Leute mit ungestörten Gewohnheiten, der Sehnsucht nach Immervertrautem, Unverrückbarem, nach Sicherheiten. Was Maria Sewcz in ihrem Sucher findet und festhält, dieses Dauer-Provisorische trotz massiver Gentrifizierung, dieses sich ständig Verändernde bei trotzigem Beharren, ist eigentlich das gewöhnliche Berlin, das weder das alte noch das neue ist, eben nur so gern auf ganz und gar Neu macht. Ein Berlin, das, mit und ohne eine Million Touristen, mit und ohne Bauspekulanten, mit oder ohne arabische Flüchtlinge seinem Alltag nachgeht wie eh und je. Geschichte ist hier immer gegenwärtig und die Gegenwart auf so schöne wie brutale, öbszöne wie humorige Art und Weise präsent.

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6-7.  Bis 1. Mai, Di-So 11-18 Uhr, www.hausamkleistpark.de

Text von Ingeborg Ruthe im Feuilleton der Berliner Zeitung vom 8. April 2016