Archiv des Autors: mariasewcz

TR 34; İSTANBUL | 2018

TR 34; İSTANBUL
Istanbul 2016–17
Hartmann books, Stuttgart 2018
Hardcover, deutsch|english, 30 x 22 cm
136 Seiten|pages mit 121 Fotografien|with 121 photographs
Mit einem Text von|with text by Monika Rinck
Design: Carsten Eisfeld
ISBN 978-3-96070-026-5

Istanbul – die alte, die moderne, die zukünftige Stadt, die Stadt der Gegensätze, geprägt durch die brutale Dynamik religiöser, politischer, wirtschaftlicher und sozialer Transformationsprozesse. Wie keine andere Metropole versinnbildlicht Istanbul die großen Themen unserer Zeit. Die Fotografien von Maria Sewcz sind eine faszinierende bildanalytische Interpretationen dieses sich vor unseren Augen abspielenden Ereignisses – Schnitte durch Raum und Zeit zwischen Europa, Balkan, Nahem und Fernem Osten.
Ihre Bildpaare fixieren die Stadt in der Konfrontation von Lebensgier und Argwohn, dem quirligen Durcheinander der Strukturen, der Nachbarschaft von Ruinen und in den Himmel strebender Betonburgen, Ramsch und Reichtum, Religion und Laizismus. Ihre Bilder sind ausdrucksstarke Zeugnisse dieser rohen Energie, die fasziniert und zugleich abschreckt.
Der Text von Monika Rinck ist die poetisch-deutende und zugleich eigenständig-erzählerische Begleitung der Bildwelten von Maria Sewcz.

Istanbul is a city that is ancient, modern, and of the future, a city of contrasts that was formed by the brutal dynamics of religious, political, economic, and social processes of transformation. Like no other metropolis Istanbul epitomizes the major issues of our era. Maria Sewcz’s photographs give a fascinating analytical interpretation of this development that is taking place before our very eyes, providing a cross section of space and time between Europe, the Balkans, and the Middle and Far East.
The pairs of images in this book present the city in confrontation with itself: joie de vivre and suspicion, the lively chaos of structures, the proximity of ancient ruins to concrete high-rises, rags and riches, and religion and secularism. Her photographs are an expression of a raw energy that is as fascinating as it is frightening.
The pictorial world of Maria Sewcz is complimented by a poetic interpretation by Monika Rinck, which is an independent narrative text in itself.

Die Stadt der Anderen | 2017

Die Stadt der Anderen
Bei mikrotext als eBook erschienen, Berlin 2017.
Herausgegeben von Alexander Gumz und Eric Schumacher.
Ca. 80 Seiten auf dem Smartphone.
ISBN 978-3-944543-59-8

Mit Texten von Assaf Alassaf, Jane Flett, Lucy Fricke, Maren Kames, Tilman Rammstedt und Érica Zíngano
und 36 Fotografien von Maria Sewcz.

Welchen Einfluss hat die eigene Herkunft und Geschichte auf die Wahrnehmung der Welt, in der man lebt? Der Verein KOOK hat drei deutschsprachige und drei internationale Autoren und Autorinnen, die in Berlin leben, eingeladen, einander „ihr“ Berlin zu zeigen: Orte, Geschichten, andere Sichtweisen auf die Stadt und ihre Bewohner.

Jetzt, Berlin | 2013–2016

Ausstellung Haus im Kleistpark, Berlin 2016

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    Jetzt, Berlin

    Room 1

    Digitalprint, 515 x 290 cm

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The photographs:   Jetzt, Berlin
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© Maria Sewcz 2016

Eugen Blume, Zur Ausstellung JETZT, BERLIN | 2016

…  Wenn die ersten Mandelbäumchen blühen sehen wir nach oben und vor dem blauen Himmel ist etwas Chinesisches, eine kostbare Seidentappiserie, die den Alltag erfreut. So könnte eine Liebeserklärung an eine ungewöhnliche Stadt beginnen, die eben nicht hat, was andere Städte zum Symbol erhoben haben, einen Eifelturm oder das Empire State Building.

Die Fotografien von Maria Sewcz halte ich deshalb für ungewöhnlich, weil sie den Blick festhalten. Man könnte allerdings mit recht meinen, dass das Fotografie allgemein auszeichnet. Ich meine nicht den Blick durch die Kamera, sondern das Blicken auf etwas, das keinerlei Absichten hat, sondern sich erst im Sehen bewusst wird, etwa der Unbekannte, der vor uns die Sicht versperrt auf die Bühne und dessen Kopf durch die Bühnenscheinwerfer von einer Aureole umstrahlt wird oder die Blutstropfen am Hauseingang, genau auf der Ecke wo die Steinschwelle vom Kleinpflaster umgeben ist. Ein zufälliger Blick nach unten findet diese Indizien von was wissen wir nicht zu sagen, Reste von der letzten Nacht vielleicht und irgendwo ein Mensch und ein Schicksal, das wir nie kennenlernen werden. Genauso das rote Licht hinter den beschlagenen Scheiben auf dem Oberdeck eines Linienbusses, kurze Momente, die wir beim Warten auf die Ankunft wahrnehmen und wieder vergessen. Und endlich jene Kulisse, die wir Touristen anbieten könnten, ein erstaunliches Panorama, Dom, Schlossbrücke, Marienkirche, das Hotelhochhaus am Alexanderplatz, die Humboldtbox und das Rote Rathaus, durchgestrichen von einem blauen Abwasserrohr einer der vielen Baustellen, eine Staffelung und Überlagerung, wieder nur ein Blick im Vorübergehen, aber präzise, der Blick wird, sich seiner selbst gewahr werdend, zur Fotografie. Nichts für die Tourismusindustrie und nichts für die affirmative Bildauffassung der Werbung.

Ein Detail aus der zukünftigen Schlossfassade, aufgestellt als Beispiel gegenwärtiger Nachschöpfung, barocke Fantasie, Löwenhaut des Simson aus Sandstein, herunterhängend als Schmuck über dem Fenstersims. Auch hier der Blick nach oben, der sich dem Detail hingibt und staunt. Das barocke Relief ist spektakulär auf die Zukunft hin, aber nur für den Eingeweihten, der weiß, was hier im Stadtraum entdeckt wurde. Die meisten Fotografien dieser Hommage an das gegenwärtige Berlin zeigen scheinbar nebensächliches wie der nächtliche Blick durch ein innen erleuchtetes Absperrgitter möglicherweise einer Tiefgarage oder der Anlieferung eines Supermarktes. Bei vielen dieser Fotografien vermutet man keine Kamera, weil es unwahrscheinlich scheint, dass jemand die Kamera etwa auf Plastikkleiderbügel auf einem straff gespannten Drahtseil richtet und dieses Stilleben überhaupt für bildwürdig hält. Alltagsdinge, die jedoch überraschend zum Bild werden, abgerissene Zettel etwa, die Großaufnahme von Haut, eine Zimmerecke, ein angeschnittenes Gesicht auf einem Plakat und schließlich die Winterwege auf dem bestreuten Alexanderplatz von oben gesehen wie Schienen der Straßenbahnen die vor dem Krieg auf diese Weise den Platz kreuzten. Diese Ausschnitte aus einem Stadtleben, die Sammlungen von Momenten, sind eindrückliche Erkundungen. Sie erzählen mehr als jeder Versuch, die prägnanten Signets zu verewigen, die nur einer touristischen Inflation dienen.  …

Aus dem Text von Eugen Blume zur Eröffnung der Ausstellung im Haus am Kleistpark, Berlin, 17.3.2016

Ingeborg Ruthe,
In der Stadt, die immer nur wird und niemals ist | 2016

WENN BILD SPRACHE UND SPRACHE BILD WIRD, DANN IST SEHR WAHRSCHEINLICH DIE BERLINER FOTOGRAFIN MARIA SEWCZ AM WERK. SIE MACHT DIE PERMANENTE VERÄNDERUNG DER STADT SICHTBAR, BESCHREIBT DIESE PROZESSE FRAGMENTARISCH IN HERBPOETISCHEN ESSAYS

sewcz_jetzt_alex Unverkennbar ist das der Berliner Alex, fotografiert möglicherweise vom Hotel-Hochhaus aus. Und zwar an einem grauen, nassen Tag zu Anfang oder Ende des Großstadt-Winters, mit dreckigen Schneematschrändern links und rechts der markanten, geometrischen oder ornamentalen Trampelpfade über den sonst so ruppigen und schmuddeligen Platten.
Maria Sewcz, Jahrgang 1960, gebürtige Schwerinerin, langjährige Rostockerin und seit Jahrzehnten Berlinerin mit Leib und Seele, hat den Alexanderplatz aus der schrägen Vogelperspektive aufgenommen. Die Aufsicht erinnert ein wenig an die kühnen, alles Reale abstrahierenden, dabei kontraststarken Schräg-von-Oben-Aufnahmen des Schweizer Bauhausfotografen Xanti Schawinsky: Links die Kunst am Bau, made Sozialistischer Realismus in Gestalt eines wasserlos nackten Womacka-Blumen-Brunnens, auf dessen Rand momentan keine Massen von jungen Leuten sitzen und auf irgendetwas warten, wie zur wärmeren Jahreszeit.
Rechts die Laternen-Parade, vorn mit Fahrradständern. In Sichtweite U-Bahn-Eingänge und ganz rechts hinten die Weltzeituhr vor dem Alexanderhaus von 1929. Dessen Zwilling, das Berolinahaus, beide Gebäude entworfen vom Bauhausmeister Peter Behrens, ist nicht im Bild, umso mehr die das Motiv gleichsam grafisch strukturierenden Wege. Und darauf die staffagehaften, namenlosen Leute, die eiligst von A nach B und von Y nach Z streben. Die ganze Stimmung wirkt irgendwie grau bedeckt, anonym, fast unwirklich.
Das Foto aus der Serie Jetzt, Berlin (2013-2016), soeben im Blickpunkt einer Schau im Haus am Kleistpark, ist typisch für die fotografische Kunst der einstigen Schülerin von Arno Fischer mit Meisterschülerzeit bei Tim Rautert an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.
Urbanität, das spannungsvolle Verhältnis von Gebautem, Gewachsenem und Gelebtem, charakterisieren Sewcz‘ Bildwelt. Und zugleich berichten ihre oft kühn ausschnitthaften oder auch nur fragmentarischen Stadt-Motive von tiefer Empathie der Fotografin, von Neugier, Einfühlung, Spurensuche, Interpretationslust.
Es ist bei ihr, als wenn an traditionellen, historischen Stellen und an Orten der Veränderung Bild zu Sprache und Sprache zu Bild wird. Maria Sewcz ist eine stille, fast beiläufig agierende, umso schärfer beobachtende Essayistin mit der Kamera. Einzelne Bilder, oft nur Details wie mit rätselhafter Botschaft versehen, fügen sich zu Stadt-und Lebens-Geschichten, das ganz persönliche Erleben wird transformiert zu etwas Größerem, Weiterem, Zeitgeschichtlichem, und scheinbare Nebensächlichkeiten erlangen Bedeutung. Aber womöglich würde die Fotografin derartige Wertungen ja als pathetisch abtun; vielleicht sind ihr das nur Versuche, die Komplexität und Kompliziertheit unserer Umgebung im Kontext der Zeit zu begreifen. Um Berlin – und in diesem Falle den hassgeliebten Alexanderplatz, diesen hässlichen, aber unverzichtbaren, abstoßenden, zugleich magischen Ort als „Tor zum Osten“ (Döblin) – auch aus seiner vielbedichteten Geschichte heraus zu sehen. Also auch aus der Perspektive dieses Spruchs, Standard der Berlin-Literatur, geprägt von dem Kunskritiker Karl Scheffler um 1910: „Berlin ist dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein.“
Könnte also auch heißen: Berlin ist nichts für Leute mit ungestörten Gewohnheiten, der Sehnsucht nach Immervertrautem, Unverrückbarem, nach Sicherheiten. Was Maria Sewcz in ihrem Sucher findet und festhält, dieses Dauer-Provisorische trotz massiver Gentrifizierung, dieses sich ständig Verändernde bei trotzigem Beharren, ist eigentlich das gewöhnliche Berlin, das weder das alte noch das neue ist, eben nur so gern auf ganz und gar Neu macht. Ein Berlin, das, mit und ohne eine Million Touristen, mit und ohne Bauspekulanten, mit oder ohne arabische Flüchtlinge seinem Alltag nachgeht wie eh und je. Geschichte ist hier immer gegenwärtig und die Gegenwart auf so schöne wie brutale, öbszöne wie humorige Art und Weise präsent.

Haus am Kleistpark, Grunewaldstr. 6-7.  Bis 1. Mai, Di-So 11-18 Uhr, www.hausamkleistpark.de

Text von Ingeborg Ruthe im Feuilleton der Berliner Zeitung vom 8. April 2016

Alexander Gumz,

Kirschblüten, Mietskasernen und Wände mit Graffiti | 2016

MARIA SEWCZ‘  FOTOZYKLUS  JETZT, BERLIN  ZEIGT EINEN DURCH FORM ÜBERHÖHTEN ALLTAG.

Ein wandfüllendes Format empfängt einen im obersten Stock des Haus am Kleistpark: zwei Hinterköpfe, angeschnitten, unscharf, vor einem mit Regen und Kondensschlieren überzogenem Straßenbahnfenster. Draußen: Nacht, rotes Licht. Man braucht eine Weile um das Foto so gegenständlich zu entziffern. Auf den ersten Blick könnte es auch ein sehr abstraktes Gemälde sein.

An der Grenze von überklarem Detail zu Abstraktion lagern fast alle Fotografien von Maria Sewcz. Wenn die 1960 in Schwerin geborene Wahlberlinerin durch eine Stadt geht, sagt sie, findet sie keine Motive – die Motive finden sie. Zuletzt ist Maria Sewcz viel durch Italien gelaufen. Vor allem in Rom entstanden Bilder, die das Ineinander von Geschichte und Gegenwart, von hehrer Antike und Alltag in scheinbar nebensächlichen Szenen zeigen. Nach Berlin zurückgekehrt war Sewcz der Meinung, ihre Stadt neu für sich entdecken zu müssen. Sie packte die Kamera ein, ging auf die Straße. Entstanden sind Werke, die unter dem programmatischen Titel  Jetzt, Berlin  in Schöneberg zu sehen sind.

Was Sewcz auf Spaziergängen zwischen 2013 und 2016 einfängt, ist in den seltensten Fällen staatstragend. Meist interessiert sich Sewcz für kleine Motive, die andere Passanten kaum bemerken würden. Schnappschüsse fast, jedoch im höchsten Maße formal komponiert. Maria Sewcz beherrscht die Kunst, Durchdachtes spontan, zufällig aussehen zu lassen. Eine leere Stellwand, die sich durch eine Unterführung zieht; der bunte Schlafsack eines Obdachlosen, vermutlich, mit japanischen Schriftzeichen versehen, auf dem Boden vor einer Wand voll gelber Graffiti.

Ein verschütteter Schluck Rotwein neben einer Häuserecke mit Schlagschatten wird so zum Dripping. Kirschblüten vor metallblauem Himmel und farblich passendem Mietskasernenanschnitt sind auf wundersame Weise nicht kitschig, bilden vielmehr ein strenges Ganzes mit Gittern aus Ästen. Laufwege von Passanten im Wintergranulat des Alexanderplatz sehen von oben aus wie ein von Kandinsky gemalter Weihnachtsstern.   Oder Fusswegplatten in Nahaufnahme: ein Fetzen rotes Klebeband in einer Ecke. Mit seinen Gebrauchsspuren wird dieses Stück Gehweg zu einer Leinwand. Man kann in ihr, wie ein Detektiv, nach den Geschichten suchen, die sich auf diesem Quadratmeter Stadt zugetragen haben mögen. Es bleiben immer Fragezeichen: die Bilder sind so konkret wie sie zugleich offen sind.  Immer wählt Sewcz den signifikanten Ausschnitt, der in seiner vermeintlichen Unvollkommenheit mehr sagt als ein klassisch wohlkomponiertes Bild.  In diesem durch Form überhöhten Alltag finden sich immer wieder auch politische Partikel: eine Gesellschaftsanalyse aus dem Augenwinkel.

Haus am Keistpark, Grunewaldstr. 6-7.  Bis 1. Mai

Text von Alexander Gumz, in: Berliner Morgenpost vom 24. April 2016

Sabine Vogel, Ortungen einer Fußgängerin | 2015

BLZ_9-7-15

 

Berliner Zeitung, Feuilleton, 10. Juli 2015

Ortungen einer Fußgängerin

Was ist der Grund für eine Stadt? Warum ist dieser Ort dort? Wie ist ihr Gefüge entstanden?  Welche Formen haben ihre Straßennetze? Sind es Raster, Achsen, Strahlen oder Labyrinthe? Welche Schichten der Vergangenheit und Gegenwart haben sich ihren Architekturen  eingeschrieben  und  einander überschrieben? Wie haben Machtrepräsentation, Kriege, Pest oder neue Produktionsbedingungen  ihre Struktur geprägt? Haben Flüsse und sieben Hügel die sozialen Topografien  von oben und unten bestimmt?  Wie hat die Geschichte aus Migration,  Industrialisierung und Gentrifizierung die  Räume der Zentren und Peripherien gestaltet?
Die Berliner Fotografin Maria Sewcz flaniert durch die Städte, in die sie durch Zufälle, Freunde, Einladungen zu Ausstellungen gerät. In ihren Bildern sind Überlagerungen von räumlichen und zeitlichen Ebenen mit  der eigenen Bewegung kombiniert.  Fotografieren, ja das Sehen an sich, ist ihr ein körperlicher Vorgang.  Der Blickwinkel des Gehenden verändert sich mit der stetigen Verschiebung der Standpunkte,  einer Neigung oder Kopfdrehung.  Das Erlaufen einer  Stadt öffnet  die Wahrnehmung für das Gewebe aus  Raum und Zeit, Bezüge zwischen Gebäuden und Erinnerungen, Wegen und Ideen blitzen auf. Einmal, als sie Blasen an den Füßen bekam, lief sie tagelang barfuß. Die Erfassung der Stadt mit den Fußsohlen  verlieh  neue   Intensität. Sewcz‘ Aufnahmen sind nicht Behauptungen über das Sein einer Stadt, eher  Andeutungen einer Möglichkeit von Vorstellung. Im flüchtigen Augenblick ist die Vergangenheit aufgehoben.

Text von Sabine Vogel

Palimpsest – Überschreibungen
Ausstellung mit Arbeiten von  Sabine Beyerle,  Daniela Friebel,  Varda Getzow,  Kerstin Seltmann,  Maria Sewcz und  Heike Zappe
vom  11. Juli  bis  29. August  2015
Galerie Alte Schule Adlershof,  Dörpfeldstraße 56,  12489 Berlin

 

 

inter esse | Neuerscheinung

Neuerscheinung  |  new release:    Maria Sewcz,  inter esse,  Berlin 1985–87
Inka Schube (Hrsg.)|(ed.),   Sprengel Museum Hannover,  Steidl,  Göttingen 2014
Hardcover,  Leineneinband|clothbound,  deutsch|english,  80 Seiten|pages,  24 x 30 cm,  ISBN 139783865217882
Mit einem Text von|with text by  Inka Schube

inter esse:  Dabei, dazwischen sein, sich zwischen den Dingen, den Orten, den Zeiten, bewegen. Reibungen, Spannungen erspüren. Die Sinne als seismografische Instrumente nutzen. Nicht nach Bild, nach Schönheit oder Stimmigkeit suchen, sondern nach Stör- und Leerstellen.   mehr

inter esse:  To be present, in between, moving between things, places, times. Sensing friction, tension. Using the senses as seismographic instruments. Not looking for image, beauty or consistency but for points of disruption and gaps.   more

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Inka Schube, inter esse | 2008 / 2015

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inter esse:  Dabei, dazwischen sein, sich zwischen den Dingen, den Orten, den Zeiten, bewegen. Reibungen, Spannungen erspüren. Die Sinne als seismografische Instrumente nutzen. Nicht nach Bild, nach Schönheit oder Stimmigkeit suchen, sondern nach Stör- und Leerstellen.

Was einem vor diesen Bildern nicht gelingen wird, ist Sentiment. Es ist diese ganz und gar unversöhnliche, kalte und instinktsicher analytische Wut, die inter esse – als Dokumente eines orts- wie zeitspezifischen ‚In der Welt Seins’ – so besonders macht. Natürlich hat Maria Sewcz Lee Friedlander gesehen und Robert Frank studiert. Die Waffenruhe von Michael Schmidt und Wim Wenders Film Himmel über Berlin, beide Arbeiten entstehen im selben Zeitraum und werden 1987 im anderen Teil der Stadt der Öffentlichkeit vorgestellt, wird sie erst ein paar Jahre später mit großer Empathie und Identifikation zur Kenntnis nehmen. Ihre eigene Arbeit ist um so vieles kälter, dass dies fast ein bisschen verwundert.

inter esse verwirft das romantische Sentiment der Uneinlösbarkeit der Utopien. Maria Sewcz verweigert Trost ebenso wie das Pathos des tragischen Scheiterns. Dabei greift sie, und dies macht diese Arbeit so besonders, auf zwischen den Weltkriegen entwickelte ästhetische Verfahren zurück, die an große utopische Potentiale gebunden waren. Die im Kontext der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren entwickelte fotografische Methode der Isolierung der Dinge im Interesse der Steigerung ihrer Zeichenhaftigkeit hinterlässt ihre Spuren. Mehr noch aber schlagen sich László Moholy-Nagys Auffassungen von der Nichtlinearität moderner großstädtischer visueller Erfahrung und von ihrem fragmentarischen Charakter in inter esse nieder. Moholy beschreibt „… aufnahmen von strukturen, texturen, frakturen, in bezug auf ihr verhalten gegenüber dem licht (absorption, reflektion, spiegelung, streuung) [und] … aufnahmen in bisher nicht üblicher art: seltene sichten, schräg, aufwärts, abwärts, verzerrungen, schattenwirkungen, tonkontraste, vergrößerungen, mikroaufnahmen …“ als Möglichkeiten, zu denen man praktische Versuche durchführen solle. inter esse liest sich fast wie eine Deklination eben dieser fotografischen Möglichkeiten. Doch ergeben sie sich hier ganz selbstverständlich aus der sinnlichen Erfahrung der mit Geschichte gesättigten Stadt.

Sewcz synthetisiert aus diesen Traditionen eine Bildsprache, wie sie utopieferner nicht sein könnte. Die Diagonalen, die kippenden Flächen führen zwar auch hier zu einer visuellen Dynamisierung des Linienflusses. Im harten Licht des Blitzes herausgeschält aus einer schwarzen Düsternis und in der Kühle des Graus wirken Architekturfragmente und Gesten jedoch wie erstarrt. Dass sich die Fotografin während ihres Studiums auch im Umfeld experimenteller Super 8-Filmer bewegt, bleibt vielleicht nicht ohne Einfluss auf den stark filmischen Eindruck, den das Portfolio als eine Art Montage fragmentartiger Bilder hinterlässt. Der harte, fast musikalische oder der Lyrik entlehnt zu scheinende Rhythmus, der sich über die 35 Bilder entwickelt, kommuniziert eine aggressiv schwelende Energie, die in einen Angriff auf die Homogenität der Bildräume umschlägt.   …

1. L. Moholy-Nagy. Fotografie ist Lichtgestaltung, abgedruckt in: Bauhaus, Heft 1, 2. Jg. 1928, S. 2ff, zitiert nach: Andreas Haus, Moholy Nagy. Fotos und Fotogramme, München 1978, S. 78.

Aus dem Text von Inka Schube in:  inter esse,  Berlin 1985–87,  Maria Sewcz,  Steidl,  Göttingen 2014

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inter esse:  To be present, in between, moving between things, places, times. Sensing friction, tension. Using the senses as seismographic instruments. Not looking for image, beauty or consistency but for points of disruption and gaps.

One thing that will not work when confronted with these images is sentiment. It is this entirely unforgiving, cold, securely instinctive analytical rage that makes inter esse so special – photographs as documents of a ‘being in the world’ that is both location- and time-specific. Of course Maria Sewcz has seen Lee Friedlander and studied Robert Frank. Michael Schmidt’s Waffenruhe (Cease Fire) and Wim Wender’s Himmel über Berlin (Wings of Desire) are both works created in the same period and presented to the public in the other part of the city in 1987: Maria Sewcz will not be able to take them into account, with great empathy and identification, until a few years later. Her own work is so much colder than they are that her response is perhaps a little surprising.

inter esse rejects the romantic sentiment that utopias are irredeemable. Maria Sewcz refused both the comfort and the emotional drama of tragic failure. To this end, she goes back to aesthetic processes developed between the two World Wars and associated with great utopian potential, and this is what makes the work so special. There are traces of the photographic method developed in the context of Neue Sachlichkeit in the 1920s, which isolated things in order to enhance their symbolic quality. But even more apparent in inter esse are László Moholy-Nagy’s ideas of the non-linearity of the visual experience of modern cities, and of their fragmentary nature. Moholy describes “… photographs of structures, textures, fractures, relating to their behaviour in relation to light (absorption, reflection, mirror images, dispersion) [and] … photographs of a previously unusual kind: rare viewpoints, oblique, upwards, downwards, distortion, shadow effects, tonal contrasts, enlargements, micro-shots …” as possibilities worthy of practical experiments.1 inter esse reads almost like a declension of these photographic possibilities. But here they arise almost as a matter of course from sensual experience of this history-saturated city.

Sewcz synthesizes a pictorial language from these traditions that could not be further from being a utopia. The diagonals, the tilting surfaces, do here too lead to dynamization of the linear flow. Architectural fragments and gestures seem paralysed, peeled out of black darkness and in the coolness of grey. The fact that Maria Sewcz also worked among experimental Super-8 filmmakers while still a student may well have something to do with the strongly cinematic impression made by the portfolio as a kind of montage of fragmented images. The hard rhythm, almost musical, or borrowed from lyric poetry and developed throughout the 35 images, communicates an aggressively smouldering energy that changes abruptly into an attack on the homogeneity of the picture spaces.   …

1. L. Moholy-Nagy. Fotografie ist Lichtgestaltung, printed in: Bauhaus, issue 1, 2. vol. 1928, p. 2ff, quoted from: Andreas Haus, Moholy Nagy. Fotos und Fotogramme, Munich 1978, p. 78.

Text by Inka Schube in:  inter esse,  Berlin 1985–87,  Maria Sewcz,  Steidl,  Göttingen 2014

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links

http://www.kerberverlag.com/photography/geschlossene_gesellschaft/product-1910.html
 

http://aperture.org/shop/aperture-213-photography-as-you-dont-know-it-magazine

http://www.aperture.org/blog/maria-sewcz-inter-esse/

http://collections.lacma.org/node/162054

 

http://www.sprengel-museum.de/besucherinformation/aktuelles/maria-sewcz-inter-esse-berlin-1985-87.htm?bild_id=69319874

http://www.imagesagainstwar.com/133.html

 

inter esse


One thing that will not work when confronted with these images is sentiment. It is this entirely unforgiving, cold, securely instinctive analytical rage that makes inter esse so special – photographs as documents of a ‘being in the world’ that is both location- and time-specific. Of course Maria Sewcz has seen Lee Friedlander and studied Robert Frank. Michael Schmidt’s Waffenruhe (Cease Fire) and Wim Wender’s Himmel über Berlin (Wings of Desire) are both works created in the same period and presented to the public in the other part of the city in 1987: Maria Sewcz will not be able to take them into account, with great empathy and identification, until a few years later. Her own work is so much colder than they are that her response is perhaps a little surprising.

inter esse rejects the romantic sentiment that utopias are irredeemable. Maria Sewcz refused both the comfort and the emotional drama of tragic failure. To this end, she goes back to aesthetic processes developed between the two World Wars and associated with great utopian potential, and this is what makes the work so special. There are traces of the photographic method developed in the context of Neue Sachlichkeit in the 1920s, which isolated things in order to enhance their symbolic quality. But even more apparent in inter esse are László Moholy-Nagy’s ideas of the non-linearity of the visual experience of modern cities, and of their fragmentary nature. Moholy describes “… photographs of structures, textures, fractures, relating to their behaviour in relation to light (absorption, reflection, mirror images, dispersion) [and] … photographs of a previously unusual kind: rare viewpoints, oblique, upwards, downwards, distortion, shadow effects, tonal contrasts, enlargements, micro-shots …” as possibilities worthy of practical experiments.1 inter esse reads almost like a declension of these photographic possibilities. But here they arise almost as a matter of course from sensual experience of this history-saturated city.

Sewcz synthesizes a pictorial language from these traditions that could not be further from being a utopia. The diagonals, the tilting surfaces, do here too lead to dynamization of the linear flow. Architectural fragments and gestures seem paralysed, peeled out of black darkness and in the coolness of grey. The fact that Maria Sewcz also worked among experimental Super-8 filmmakers while still a student may well have something to do with the strongly cinematic impression made by the portfolio as a kind of montage of fragmented images. The hard rhythm, almost musical, or borrowed from lyric poetry and developed throughout the 35 images, communicates an aggressively smouldering energy that changes abruptly into an attack on the homogeneity of the picture spaces.   …

1. L. Moholy-Nagy. Fotografie ist Lichtgestaltung, printed in: Bauhaus, issue 1, 2. vol. 1928, p. 2ff, quoted from: Andreas Haus, Moholy Nagy. Fotos und Fotogramme, Munich 1978, p. 78.

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Text by Inka Schube in:  inter esse,  Berlin 1985–87,  Maria Sewcz,  Steidl , Göttingen 2014

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inter esse


Was einem vor diesen Bildern nicht gelingen wird, ist Sentiment. Es ist diese ganz und gar unversöhnliche, kalte und instinktsicher analytische Wut, die inter esse – als Dokumente eines orts- wie zeitspezifischen ‚In der Welt Seins’ – so besonders macht. Natürlich hat Maria Sewcz Lee Friedlander gesehen und Robert Frank studiert. Die Waffenruhe von Michael Schmidt und Wim Wenders Film Himmel über Berlin, beide Arbeiten entstehen im selben Zeitraum und werden 1987 im anderen Teil der Stadt der Öffentlichkeit vorgestellt, wird sie erst ein paar Jahre später mit großer Empathie und Identifikation zur Kenntnis nehmen. Ihre eigene Arbeit ist um so vieles kälter, dass dies fast ein bisschen verwundert.

inter esse verwirft das romantische Sentiment der Uneinlösbarkeit der Utopien. Maria Sewcz verweigert Trost ebenso wie das Pathos des tragischen Scheiterns. Dabei greift sie, und dies macht diese Arbeit so besonders, auf zwischen den Weltkriegen entwickelte ästhetische Verfahren zurück, die an große utopische Potentiale gebunden waren. Die im Kontext der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren entwickelte fotografische Methode der Isolierung der Dinge im Interesse der Steigerung ihrer Zeichenhaftigkeit hinterlässt ihre Spuren. Mehr noch aber schlagen sich László Moholy-Nagys Auffassungen von der Nichtlinearität moderner großstädtischer visueller Erfahrung und von ihrem fragmentarischen Charakter in inter esse nieder. Moholy beschreibt „… aufnahmen von strukturen, texturen, frakturen, in bezug auf ihr verhalten gegenüber dem licht (absorption, reflektion, spiegelung, streuung) [und] … aufnahmen in bisher nicht üblicher art: seltene sichten, schräg, aufwärts, abwärts, verzerrungen, schattenwirkungen, tonkontraste, vergrößerungen, mikroaufnahmen …“ als Möglichkeiten, zu denen man praktische Versuche durchführen solle. inter esse liest sich fast wie eine Deklination eben dieser fotografischen Möglichkeiten. Doch ergeben sie sich hier ganz selbstverständlich aus der sinnlichen Erfahrung der mit Geschichte gesättigten Stadt.

Sewcz synthetisiert aus diesen Traditionen eine Bildsprache, wie sie utopieferner nicht sein könnte. Die Diagonalen, die kippenden Flächen führen zwar auch hier zu einer visuellen Dynamisierung des Linienflusses. Im harten Licht des Blitzes herausgeschält aus einer schwarzen Düsternis und in der Kühle des Graus wirken Architekturfragmente und Gesten jedoch wie erstarrt. Dass sich die Fotografin während ihres Studiums auch im Umfeld experimenteller Super 8-Filmer bewegt, bleibt vielleicht nicht ohne Einfluss auf den stark filmischen Eindruck, den das Portfolio als eine Art Montage fragmentartiger Bilder hinterlässt. Der harte, fast musikalische oder der Lyrik entlehnt zu scheinende Rhythmus, der sich über die 35 Bilder entwickelt, kommuniziert eine aggressiv schwelende Energie, die in einen Angriff auf die Homogenität der Bildräume umschlägt.   …

1. L. Moholy-Nagy. Fotografie ist Lichtgestaltung, abgedruckt in: Bauhaus, Heft 1, 2. Jg. 1928, S. 2ff, zitiert nach: Andreas Haus, Moholy Nagy. Fotos und Fotogramme, München 1978, S. 78.

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Aus dem Text von Inka Schube in:  inter esse,  Berlin 1985–87,  Maria Sewcz,  Steidl, Göttingen 2014

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inter esse | 2014

inter esse,  Maria Sewcz,  Berlin 1985–87,  Inka Schube (Hrsg.)|(ed.), Sprengel Museum Hannover,  Steidl, Göttingen 2014
Hardcover,  Leineneinband|clothbound,  deutsch|english,  80 Seiten|pages,  24 x 30 cm,  ISBN 139783865217882
Mit einem Text von|with text by  Inka Schube

inter esse:  Dabei, dazwischen sein, sich zwischen den Dingen, den Orten, den Zeiten, bewegen. Reibungen, Spannungen erspüren. Die Sinne als seismografische Instrumente nutzen. Nicht nach Bild, nach Schönheit oder Stimmigkeit suchen, sondern nach Stör- und Leerstellen.   mehr

inter esse:  To be present, in between, moving between things, places, times. Sensing friction, tension. Using the senses as seismographic instruments. Not looking for image, beauty or consistency but for points of disruption and gaps.   more

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