Alexander Gumz,

Kirschblüten, Mietskasernen und Wände mit Graffiti | 2016

MARIA SEWCZ‘  FOTOZYKLUS  JETZT, BERLIN  ZEIGT EINEN DURCH FORM ÜBERHÖHTEN ALLTAG.

Ein wandfüllendes Format empfängt einen im obersten Stock des Haus am Kleistpark: zwei Hinterköpfe, angeschnitten, unscharf, vor einem mit Regen und Kondensschlieren überzogenem Straßenbahnfenster. Draußen: Nacht, rotes Licht. Man braucht eine Weile um das Foto so gegenständlich zu entziffern. Auf den ersten Blick könnte es auch ein sehr abstraktes Gemälde sein.

An der Grenze von überklarem Detail zu Abstraktion lagern fast alle Fotografien von Maria Sewcz. Wenn die 1960 in Schwerin geborene Wahlberlinerin durch eine Stadt geht, sagt sie, findet sie keine Motive – die Motive finden sie. Zuletzt ist Maria Sewcz viel durch Italien gelaufen. Vor allem in Rom entstanden Bilder, die das Ineinander von Geschichte und Gegenwart, von hehrer Antike und Alltag in scheinbar nebensächlichen Szenen zeigen. Nach Berlin zurückgekehrt war Sewcz der Meinung, ihre Stadt neu für sich entdecken zu müssen. Sie packte die Kamera ein, ging auf die Straße. Entstanden sind Werke, die unter dem programmatischen Titel  Jetzt, Berlin  in Schöneberg zu sehen sind.

Was Sewcz auf Spaziergängen zwischen 2013 und 2016 einfängt, ist in den seltensten Fällen staatstragend. Meist interessiert sich Sewcz für kleine Motive, die andere Passanten kaum bemerken würden. Schnappschüsse fast, jedoch im höchsten Maße formal komponiert. Maria Sewcz beherrscht die Kunst, Durchdachtes spontan, zufällig aussehen zu lassen. Eine leere Stellwand, die sich durch eine Unterführung zieht; der bunte Schlafsack eines Obdachlosen, vermutlich, mit japanischen Schriftzeichen versehen, auf dem Boden vor einer Wand voll gelber Graffiti.

Ein verschütteter Schluck Rotwein neben einer Häuserecke mit Schlagschatten wird so zum Dripping. Kirschblüten vor metallblauem Himmel und farblich passendem Mietskasernenanschnitt sind auf wundersame Weise nicht kitschig, bilden vielmehr ein strenges Ganzes mit Gittern aus Ästen. Laufwege von Passanten im Wintergranulat des Alexanderplatz sehen von oben aus wie ein von Kandinsky gemalter Weihnachtsstern.   Oder Fusswegplatten in Nahaufnahme: ein Fetzen rotes Klebeband in einer Ecke. Mit seinen Gebrauchsspuren wird dieses Stück Gehweg zu einer Leinwand. Man kann in ihr, wie ein Detektiv, nach den Geschichten suchen, die sich auf diesem Quadratmeter Stadt zugetragen haben mögen. Es bleiben immer Fragezeichen: die Bilder sind so konkret wie sie zugleich offen sind.  Immer wählt Sewcz den signifikanten Ausschnitt, der in seiner vermeintlichen Unvollkommenheit mehr sagt als ein klassisch wohlkomponiertes Bild.  In diesem durch Form überhöhten Alltag finden sich immer wieder auch politische Partikel: eine Gesellschaftsanalyse aus dem Augenwinkel.

Haus am Keistpark, Grunewaldstr. 6-7.  Bis 1. Mai

Text von Alexander Gumz, in: Berliner Morgenpost vom 24. April 2016